Dienstag, 18. April 2017
Wann kommt sie endlich ans Licht? Wie lange noch beanspruchen die ansonsten bescheidenen, ehemaligen Bürgerrechtler die friedliche Revolution und den Zusammenbruch der SED-Diktatur unwidersprochen als ihren Erfolg? Oder vielleicht die angeblichen „Protagonisten der Revolution“, die „Leipziger Sechs“ mit Kurt Masur an der Spitze, der am 11.05.2009 durch die Leipziger Volkszeitung mitteilen lies „Das war ich aber nicht alleine.“ Die Wahrheit liegt nicht einmal in der Mitte aller Aussagen, sondern an anderer Stelle und muss im 25. Jahr nach der deutschen demokratischen Revolution (ddR) endlich mitgeteilt werden: Die unermessliche (strukturbedingte) Faulheit der SED-Genossen in den Betrieben und Institutionen hat die DDR in den Ruin getrieben. „Keine Leute – keine Leute“ war der Slogan der SED-Faulpelze, die maximal zwei Stunden pro Tag produktiv gearbeitet haben.
Die Akademie-Institute wurden von den dort im Achtstundentag anwesenden Laboranten bezüglich der Vielzahl der SED-Akademiker „Faultierfarmen“ genannt. An der Ingenieurschule für Pharmazie in Leipzig waren einige Apos (ursprünglich Apotheker) zu Aposteln der SED verkommen und unterrichteten maximal 8 bis 10 Stunden, nicht pro Tag sondern pro Woche. Der Direktor und sein der deutschen Schriftsprache nicht mächtiger 1. Stellvertreter (mit vielen Fehlern in seinen Aushängen) – zwei quasi-arbeitslose Ideologie-Einpeitscher! An der Ingenieurschule für Bauwesen war von 1965 bis 1982 der 1. Mann ein marxistisch-leninistischer Diplom-Philosoph und sein Stellvertreter ein von der Armee (Major) geprägter Diplom-Politologe. Unter vorgehaltener Hand hieß es unter den Lehrern der technischen Fächer, dass wir auf dem Weg sind, anstelle von bautechnisch gebildeten Ingenieuren Bauphilosophen mit militärischer Kampfbahnerfahrung auszubilden. Bei den Einsätzen der Gruppe „Zivilverteidigung“ lautete das inoffizielle Motto „Es gibt nichts zu tun – packen wir’s an!“ Ich musste einen sperrigen Balken mehrfach von einer Straßenseite zur anderen und zurück transportieren, bis endlich der hohe Armeegeneral mit Kamerateam wirklich hinter der Ecke auftauchte und mich mit dem Balken sehen konnte.
Oder hat etwa der SED-Genosse produktiv gearbeitet, als er während einer Kultur-Gewerkschaftsschulung grotesk dozierte, dass Johann Sebastian Bach ein Vorkämpfer des Marxismus gewesen sei, weil er entgegen der Normen seiner Zeit die Sängerinnen unmittelbar neben sich auf der Orgelbank platzierte und durch langes Improvisieren die Pfaffen am Predigen hinderte? Die Frage des Arbeitgebers an den Arbeitnehmer „Wann willst du deine Arbeit beginnen und wann wieder beenden?“ ist und bleibt für alle Zeiten der Zivilisationsgeschichte einmalig. Mir wurde diese Frage von den Einsatzleitern des Lindenauer Busbahnhofes in Leipzig oft gestellt, wenn ich als LVB-Busfahrer im 2. Arbeitsverhältnis nach einem abendlichen Ehestreit über Fernsehprogramm I oder II mich spontan für einen Arbeitseinsatz entschieden hatte. Meine Kommilitonen in Jena wollten nach dem Studium (1960 bis 1965) mehrheitlich die DDR verlassen. Nach dem Bau der Mauer wurden sie in übergroßer Mehrheit SED-Genossen und genossen die ruhende Arbeit als Professoren und Doktoren an Universitäten und Akademien.
Man(n) war in der Partei, um Titel zu erhalten, Macht auszuüben und optimal faulenzen zu können. Die DDR war ein Schlaraffenland der Arbeitnehmerwünsche mit sehr niederem Lebensstandard und extrem hohen (verdeckten) Arbeitslosenzahlen. SED und Stasi haben die DDR kaputt gefaulenzt und tot spioniert! Die Bürgerrechtler haben „nur noch“ ein wenig nachgeholfen. Ihr Erfolg allerdings ist, die Metamorphose von DDR zur ddR im Jahre 1989 eingeleitet zu haben.
Das alles wurde zusammengefasst und im Jahr 1992 an der Universität Bamberg von Dr. Heinz Sperschneider (+) im Vortrag „Der real existierende Sozialismus im Spiegel des politischen Witzes in der DDR“ zur Erbauung der Fränkischen Akademiker „zum Besten gegeben“. Die sieben ökonomischen DDR-Widersprüche waren nämlich:
1. Obwohl die DDR Vollbeschäftigung hatte, arbeitete nur die Hälfte.
2. Obwohl nur die Hälfte arbeitete, fehlten überall Arbeitskräfte.
3. Obwohl überall Arbeitskräfte fehlten, wurden alle Pläne übererfüllt.
4. Obwohl alle Pläne übererfüllt wurden, gab es nichts zu kaufen.
5. Obwohl es nichts zu kaufen gab, hatten fast alle fast alles, was sie brauchten.
6. Obwohl alle fast alles hatten, was sie brauchten, meckerten alle.
7. Obwohl alle meckerten, wählten 99.9% die Kandidaten der Nationalen Front
und damit die SED.
Und noch schöner hat der Karikaturist Peter Muzenick anlässlich des 46. Jahrestages der DDR 1995 alles zusammengefasst im herrlichen Farbbild „Hosianna!“, das ich in meinem Buch „Der Schießbefehl am 9. Oktober 1989“ verwenden durfte. Besser kann der ehemalige Wirkungsmechanismus der DDR nicht fokussiert werden:
„Jeder war dagegen - alle haben es realisiert - Hosianna!“
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Epilog
Wer während der SED-Diktatur zur sehr kleinen Gruppe der Andershandelnden gehört hat, der ist noch immer in Ostdeutschland in einer absoluten Minderheit (im Bereich der älteren Generation). Das ist so, weil die übergroße Mehrheit der ehemals nur Andersdenkenden – wie sie gedacht haben, war auf den Dächern an den Antennen zu erkennen – auf der Suche nach ihrem „reinen Gewissen“ die DDR noch immer bis ins Groteske verklärt. Ein Vierteljahrhundert nach dem Ende von DDR und ddR hat das (leicht veränderte) Kürzel, ehemals Synonym für staatlich verordnetes geistiges Elend, jetzt einen edlen Inhalt:
ddR = deutsche demokratische Revolution
Im Angebot des Zeitzeugen Roland Mey:
Die Metamorphose von der DDR zur ddR!
„Freie Übung“ zur politischen Bildung für Schüler und Studenten unter dem Thema:
Der politische Wahnwitz sozialistischer Mach(t)art und das verklärte DDR-Bild!
Zielstellung und Methode: Politische Bildung ohne Belehrung und mit Erbauung; Entwicklung von Überzeugungen durch Diskussionen und Streitgespräche.
Inhalt: In Anlehnung an die eigenen Bücher „Humoresken aus der DDR“ und „Der Schießbefehl am 9. Oktober 1989“ (siehe Internet).
Roland Mey, Leipzig 2015




Mittwoch, 16. März 2016
Dies ist ein aktualisierter Beitrag vom 23.03.2017 entsprechend der Broschüre "Kurt Masur entzaubert, der Fünfzehnte nach Bach entlarvt und alles an der HMT in Leipzig den Bachelor-Studenten um die Ohren hauen". Die beiden Bilder und die SED-Ehrenwächterliste vom 21.09.1970 konnten hier nicht dargestellt werden. (Die Schallplattenhülle ist allerdings im älteren Beitrag zu sehen.)
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1. Ein amerikanischer Irrglaube:
Dirigent und Revolutionär
Kurt Masur: „Ich habe immer so gehandelt, dass ich mich nicht schämen musste.“ Quelle: MDR aktuell, 19.12.2015

Ein Paukenschlag und die Reaktion „Gottes“

Der legendäre Herbert von Karajan soll einmal bei der Korrektur eines Paukenschlages nach der notengerechten Rechtfertigung des Paukers kommentarlos den Taktstock auf das Pult gelegt und im Gehen gesagt haben: „Die Probe geht weiter, wenn ein neuer Pauker da ist!“ Das ist ein krankhaftes Zeichen, wenn es gegen ein Orchester (wie die Wiener oder auch die Berliner Philharmoniker) geschieht, in dem ausnahmslos die besten Musiker Europas spielen, die jederzeit auch als Solisten auftreten können. Unter dieser Karajanschen Selbstüberhöhung haben die Orchester und der Maestro am Ende seiner Schaffensperiode gelitten. Solche autoritären Episoden werden wir von Kurt Masur niemals hören oder lesen, obwohl die gesellschaftspolitischen Verhältnisse der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts ihn zu einem Monument aufgebaut haben. Als „Gott“ ist er niemals aufgetreten. Das Fundament für das spätere Monument hat Masur aber während der SED-Diktatur unter Verzicht auf moralische Werte selbst aufgebaut. Noch immer ist er in Europa, Amerika und Japan ein anscheinend makelloser Dirigent. Schon im Jahre 2007 habe ich im Buch „Humoresken aus der DDR“ versteckte Wahrheiten über Kurt Masur aufgeschrieben und damit ein Stück fataler Musikgeschichte vorweggenommen. Die volle Wahrheit über Masur dürfte sein politisches Ansehen, das er in der Zeit der Revolution 1989/90 zugeschrieben bekommen hat, ins Zwielicht stellen und unheimlich anmutende Ambivalenzen zutage fördern.

Der „Solidaritätsbeitrag“

Als ich in den 1970er Jahren den gewerkschaftlichen Solidaritätsbeitrag zur Finanzierung der sowjetischen Materialfront des Vietnamkrieges unter beruflichen Nachteilen verwehrt habe, leistete der Gewandhausmusikdirektor Kurt Masur im Jahr 1973 seinen Beitrag mit einer Schallplattenaufnahme. Unter dem aufgedruckten Preis von 20,- M der Hinweis: „Der Reinerlös aus dem Verkauf dieser Platte wird dem Solidaritätskonto 99 999 zugeführt.“ Auf der Plattenhülle ist eine Vietnamesin unter einem Stahlhelm abgebildet, dazu der Cover-Titel „Solidarität – jetzt erst recht!“ Auf der Rückseite steht u. a.: „Freiheit für das tapfere Vietnamesische Volk, das entschlossen gegen den imperialistischen Aggressor kämpft.“ Kurt Masur unterschrieb (neben anderen hochprivilegierten Musikern der DDR) mit den Worten „…bin ich für die Gelegenheit dankbar, mit meinem künstlerischen Beitrag den in der DDR fest begründeten Gedanken der Solidarität mit dem Vietnamesischen Volk unterstützen zu können.“ Solche gewünschten Sätze von Prominenten haben die SED-Diktatoren genutzt, um den in der DDR permanent gepredigten Antiamerikanismus zu aktualisieren und vom Volk immer wieder einzufordern.
Bei allen Fehlern und Unmenschlichkeiten, die die US-Amerikaner bei ihrem Versuch, die weltweite gewaltsame Ausbreitung des Kommunismus zu verhindern, im Vietnamkrieg zu verantworten hatten: Wenn das die US-Amerikaner zu Beginn der 1990er Jahre gewusst hätten, dann wäre Kurt Masur in New York nicht (aus der zweiten Dirigentenreihe heraus) ein großer Nachfolger des riesengroßen Arturo Toscanini geworden. Karrieren werden in Diktaturen grundsätzlich nicht nur durch Fähigkeiten, sondern immer auch mit Anpassung gemacht. Die SED-Diktatur wurde uns zwar sowjetisch aufgepfropft, aber ihre „Verdeutschung“ wäre mit anderen individuellen Anpassungsgraden nicht möglich gewesen.
Eine der erfolgreichsten Kunst-Führungskräfte der USA, Frau Deborah Borda, wollte vermutlich Masur sehr bald nach seiner Ankunft in Amerika wieder nach Deutschland zurückschicken. Sie hatte keine Chance, denn er war damals in den Augen der US-Amerikaner der große deutsche „Siegfried“, der mit dem Schwert von Gorbatschow dem „Drachen Kommunismus“ alle Köpfe abgeschlagen hatte.
Die LVZ betitelt am 21.12.15, zwei Tage nach dem Tod des Maestros, den Leitartikel „Humanistischer Imperativ“ und schreibt, dass Masur sich „nichts und niemandem unterordnete“. Wenn ein Mensch unter totaler Wegdefinition seiner Fehler und Schwächen über zwei Jahrzehnte hinweg (insbesondere von den Leipziger Medien) derartig zu einem göttlich unantastbaren Wesen aufgebaut wird, dann ist das mehr als nur unseriöse Berichterstattung. Diese Methode ist hochgefährlich und führt bei Übertragung von der „harmlosen“ Kunst auf die mächtige Politik – nur ein winziger Schritt – sofort in die nächste gesellschaftspolitische Katastrophe.

Bild der Schallplattenhülle "Solidarität - jetzt erst recht!"

„Revolutionär“ ad hoc

Am 9. Oktober 1989 sprach Kurt Masur gegen 18.30 Uhr zu Beginn der alles entscheidenden Montagsdemonstration der deutschen demokratischen Revolution (ddR), die die schnelle Beendigung des realen Sozialismus zum Ziel hatte, nach vorheriger Absprache mit den führenden Sekretären der SED-Bezirksleitung über den Leipziger Stadtfunk und sagte u. a.: „Wir sind von der Entwicklung in unserer Stadt betroffen und suchen nach einer Lösung. Wir alle brauchen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land.“ Diese risikofreie, zeitoptimierte Anpassung wurde später so gedeutet, als habe sich Kurt Masur am 9. Oktober „vor die Gewehrläufe“ gestellt. In Wahrheit befand er sich zu Beginn der entscheidenden Demo, als die Gefahr der blutigen Niederschlagung am größten war, hinter „kugelsicherem Glas“. Zur damaligen Zeit haben viele schlaue Wendehälse ihre persönliche Wendegeschwindigkeit so optimal an den realen Verlauf der friedlichen Revolution angepasst, dass sie im Fall der Niederschlagung ihre privilegierten Posten behalten hätten.
Die Leipziger Volkszeitung (LVZ) nährte auch nach 20 Jahren den amerikanischen Irrglauben und schrieb am 11.05.09 unter der Überschrift „Wir müssen etwas tun“ und dem Untertitel „Der Aufruf der Leipziger Sechs am 9. Oktober 1989 – Die Protagonisten erinnern sich / Heute: Kurt Masur“: Der Aufruf „ist ein Beitrag zum Durchbruch der Friedlichen Revolution.“ Unter „Protagonist“ ist im Lexikon zu lesen „Vorkämpfer“ - und das bezüglich unserer Leipziger Oktoberrevolution für einen hochrangigen SED-Opportunisten, drei langjährige SED-Bezirkssekretäre, einen IM-Theologen und einen Kabarettisten; ein journalistisch-kabarettistisches Meisterstück! Am Ende überlässt die LVZ die letzten Worte Kurt Masur: „Das war ich aber nicht alleine.“ Er war unmittelbar nach dem Umbruch in New York zu einem unantastbaren Monument aufgebaut worden. Bis heute hat kein Musiker ein kritisches Wort über Masur öffentlich gewagt; auch nicht, als er auf die Frage eines deutschen Journalisten nach seiner aktuellen Arbeit in Amerika unmittelbar vor dem nächsten Concorde-Flug über den Atlantik geantwortet hatte: Er werde „den New Yorker Philharmonikern beibringen, wie Beethoven gespielt wird“. Im Vestibül seines New Yorker Hauses stand eine Furtwängler-Büste (DIE ZEIT 52/2015). Durchaus passend, denn der Repräsentant, der Wilhelm Furtwängler für den Nationalsozialismus war, der war Kurt Masur für den Realsozialismus; erreicht durch kameradschaftliches Miteinander mit den Führern von NSDAP bzw. SED.

Ein nur virtueller Bürgerrechtler

ist noch heute hoch anerkannt. Aus Leipzig heraus wurde er im Sog des amerikanischen Irrglaubens „Dirigent und Revolutionär“ in den Olymp der Musik nach New York katapultiert. Er ist „ein Mann für jeden Preis“, so die Leipziger Internetzeitung, nachdem am 12. Februar 2011 von der Staatsbürgerlichen Stiftung Bad Harzburg e. V. der Deutsche Staatsbürgerpreis an Kurt Masur verliehen wurde. Die Begründung “für seinen mutigen Einsatz in der Bürgerrechtsbewegung“ ist ein Schlag in die Gesichter der wahren Bürgerrechtler, die auf Studium und beruflichen Aufstieg verzichteten, in Gefängnissen waren und ihren mutigen Einsatz auch mit dem Leben bezahlt haben. Der immer wieder neu preisgekrönte „Bürgerrechtler“ war in Wahrheit ein politisch optimal angepasster SED-Privilegienträger. Er war Träger von Kunst- und Nationalpreisen, des Ordens „Banner der Arbeit“, der „Johannes R. Becher Medaille“, des „Vaterländischen Verdienstordens in Gold“, des „Sterns der Völkerfreundschaft“ und einer der wenigen Mercedesfahrer in der DDR. Der von ihm verursachte schwere Verkehrsunfall mit tödlichem Ausgang für drei Personen im Jahr 1972 wurde verschwiegen und von der Staatsanwaltschaft bezüglich Ablauf und Schuldanteil zu seinen Gunsten definiert. (Der Spiegel hat in der Ausgabe 37/1991 unter dem Titel „Der Maestro und das Taktgefühl“ die Situation umfangreich beschrieben.)
Erst vor Weihnachten 1989 hatte sich Masur von seinen SED-Freunden geistig getrennt, als er in einem Weihnachts- und Neujahrsbrief schrieb: „Liebe Leipziger! Ich möchte mich dafür bedanken, dass Sie mich in Ihren Kreis aufgenommen haben.“ Masur war bereits seit dem Jahr 1970 in Leipzig, bis zum Fall der Berliner Mauer (9. November 1989) aber in anderen „Kreisen“ beheimatet. Die Bild-Zeitung veröffentlichte am 5. Juni 1991 unter der Überschrift „Masur – ein Denkmal steht unter Verdacht“ die Aussage des ehemaligen Stasi-Majors Peter Schardin, früher Referatsleiter der Abteilung 20, zuständig für Gewandhaus, Oper und Thomaskirche: „Das Arbeiten mit Herrn Masur war gut und freundschaftlich. Wenn wir bei Reisen Herrn Masur empfohlen haben, daß ein Orchestermitglied politisch nicht geeignet sei mitzureisen, hat er das immer befolgt. Reiseberichte über die Mitarbeiter hat er uns von ganz alleine geliefert, in persönlichen Gesprächen auch um Ratschläge gefragt.“ Hier wird eindeutig IM-adäquates Verhalten bescheinigt, wie es (ohne besondere Verpflichtung) von allen Instituts- und Betriebsdirektoren erwartet und bei Bedarf realisiert wurde.
Die Eliten definieren und reproduzieren sich heute durch ihr aufgebautes und ständig gepflegtes Beziehungsgeflecht aus sich selbst heraus und nicht mehr über Fähigkeiten, Leistungen oder etwa Charaktere. Weil die ehemals klassische Elite-Definition nur noch Wunschtraum ist, hofieren elitäre Vereine und Verbände den ehemaligen Chef der New Yorker Philharmoniker und „schmücken“ sich selbst durch Einladungen, Auszeichnungen und Preise mit ihm. Wie stark Kurt Masur, dem neunmal die Würde „Doktor honoris causa“ verliehen wurde, mit den Mächtigen der SED-Diktatur verwoben war, ist im charakterfreien Elite-Lobbykratie-Kalkül bedeutungslos. So ist es uninteressant, dass Masur mit dem kommunistischen Diktator Honecker – wie unter Genossen üblich – per du gesprochen und sich niemals systemkritisch geäußert hat oder dass er bereits mit 43 Jahren die Ehrenwache in der Leipziger Oper am aufgebahrten Leichnam des SED-Bezirkschefs hielt. Paul Fröhlich, der meistgehasste Leipziger Eiferer für das SED-Regime, auch Politbüro-Mitglied, hatte 1953 in Leipzig den Befehl zum Schießen auf die Aufständischen vom 17. Juni erteilt – er war demzufolge ein Mörder – und 1968 die Sprengung der Universitätskirche gegen erbitterten Widerstand vieler Bürger durchgesetzt. „Wo man Kafka liest, geht der Kommunismus baden“, zitierte er triumphierend 1965 auf dem 11. Plenum der SED aus einer westdeutschen Zeitschrift.

„Ehrenwächter“ am Leichnam eines Mörders

Paul Fröhlich (*21.03.1913, +19.09.1970) wurde nach seinem „tatkräftigen“ Schießbefehl vom Diktator Walter Ulbricht besonders gelobt und gefördert. Er war ein extrem harter kommunistischer Bezirksregent und gefürchteter Einpeitscher, der in einer mehrtägigen Zeremonie wie ein königlicher Feldherr beerdigt und vom SED-treuen Maler Werner Tübke 1973 auf dem monumentalen Wandbild „Arbeiterklasse und Intelligenz“ in der Karl-Marx-Universität verewigt wurde. In der LVZ vom 25.09.1970 war unter der Überschrift „Zehntausende verneigen sich in Liebe und Verehrung“ zu lesen: „Gemessen bewegt sich der Zug, der über vier Stunden währt, zur Oper, die trauerumflorte Seidenbanner schmücken.“ Die erste Ehrenwache am Sarg hielten Horst Schumann, Mitglied des ZK der SED und 2. Sekretär der Bezirksleitung Leipzig, Jochen Hoffmann, Günter Berger, Gerhard Ehrlich und Jochen Pommert, alle vier Sekretäre der SED-Bezirksleitung. Die letzte Ehrenwache hielten am 24.09.1970 die obersten Berliner Betonköpfe Walter Ulbricht, Erich Honecker, Kurt Hager, Günther Mittag, Albert Norden und Horst Schumann. Irgendwann dazwischen stand in strammer SED-Untergebenheit auch Kurt Masur. Im Sächsischen Staatsarchiv in Leipzig existiert eine Liste der damaligen „Ehrenwächter“, Akte Nr. 27 Bestand 21622 Nachlass Paul Fröhlich (siehe S. 10). In der Akte Nr. IV/B/2/3/121 des Bestandes 21123 SED-Bezirksleitung (BL) Leipzig ist im Beschluss-Protokoll 20/70 vom 23.09.70 vermerkt: „Die Ordnung der Ehrenwache des Sekretariats der BL wird bestätigt.“
In der Biographie „Kurt Masur – Zeiten und Klänge“, List-Verlag, München 2003, von Johannes Forner, einem Leipziger Musikwissenschaftler und langjährigen Vertrauten von Kurt Masur, ist von alledem kein Wort zu lesen. Es wird noch einige Zeit vergehen, bevor ein Biograph allumfassend wirklichkeitsnah berichtet.

Bild:
Macht Musik,
ein Titel der FU Berlin
Kurt Masur auf dem Freundschaftstreffen Komsomol-FDJ im FDJ-Schulungszentrum am Bogensee der
Jugendhochschule “Wilhelm Pieck”,
14. Dezember 1982.
Foto aus Bundesarchiv

Wichtiges Dokument:
Seite 7 der Liste vom 21.09.1970 der SED-Bezirksleitung Leipzig „Ehrenwache zur Trauerfeier“ am aufgebahrten Leichnam des Mörders Paul Fröhlich. Dazu hat Kurt Masur den Kontext wie folgt formuliert: „Ich habe immer so gehandelt, dass ich mich nicht schämen musste.“






Die Hochschule für Musik und Theater Leipzig (HMTL)

hat kein Interesse an diesem, die einseitige Biographie „Kurt Masur – Zeiten und Klänge“ ergänzenden Text. Vom ehemaligen Rektor Professor Robert Ehrlich – seit 2015 Rektor der HfM „Hanns Eisler“ Berlin – und dem Kanzler der HMTL bekam ich 2014 während eines Gespräches auf meine Frage zum Umgang mit dieser Broschüre keine Antwort, wenig später aber eine Mail mit der kurzen Information „als zeitgeschichtliches Dokument in das Archiv der HMT aufgenommen“ (und nicht wunschgemäß in die Bibliothek).
Der neue Rektor Professor Martin Kürschner hat die von mir gewünschte neue Gesprächsrunde am 23.02.16 „aufgerüstet“: Vor dem Kanzler und einem Vertreter des Personalrates teilt er mir nach Kritik am Selbstverlag und den fehlenden Fußnoten mit, dass er diese Broschüre „seinen Bachelor-Studenten um die Ohren hauen würde“. Ich habe das lächelnd zur Kenntnis genommen. An einer Hochschule für Musik und Theater ist es nämlich aussichtslos zu vermitteln, dass es auch Wissenschaften gibt, die manchmal vollständig auf Fußnoten verzichten können und (deshalb) „harte Wissenschaften“ genannt werden. Das Debakel aus den Jahren 2010/11 an der Universität Bayreuth um die summa-cum-laude-Doktorarbeit des ehemaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg mit einem „Fußnoten-Salat“ in der Größenordnung einer Briefmarkensammlung (ca. 1500) ist vielen Wissenschaftlern der weichen Wissenschaften inzwischen nicht mehr peinlich – alles vergessen und nichts daraus gelernt – sehr peinlich!
Der Direktor des Institutes der Musikwissenschaften der HMTL, Prof. Dr. Christoph Hust, hatte für das Semester 2014/15 das Thema „Leipziger Musikinstitutionen aus den Jahren 1989 und 1990“ ausgeschrieben. Im Internet hieß es in einer Kurzcharakteristik: „Das Hauptseminar soll einen Überblick darüber erarbeiten, wie verschiedene Leipziger Institutionen auf die Ereignisse der Jahre 1989 und 1990 reagiert haben, u. a. sollen Gewandhaus, HMT, Oper und Verlage in den Blick genommen werden. Die Teilnehmer werden Archive und Zeitzeugen befragen. Ziel ist auch ein exemplarischer Einblick in die Methoden der musikwissenschaftlichen DDR-Forschung. Eine öffentliche Vorstellung der Ergebnisse ist vorgesehen.“
Professor Hust wollte ursprünglich seine Studenten auf meine Veröffentlichungen und mich als Interview-Partner hinweisen. Als er die Broschüre „Wahrheit über die Vergangenheit der Zukunft zuliebe“ selbst gelesen hatte, wurde sofort der letzte Satz seiner Internetveröffentlichung zur Vorstellung der Ergebnisse gestrichen. Zu einer Zusammenarbeit ist es nicht gekommen. Ich hatte über viele Jahre hinweg den eindeutigen Eindruck, dass die Leipziger Musiker bereits beim Hören negativer Fakten über Masur Angst bekamen.
Bis heute wurde in der Leipziger Volkszeitung (und grundsätzlich in allen mitteldeutschen Medien) über die Schwächen und gesellschaftspolitischen Fehler des Maestros nichts veröffentlicht. Nur mit Hilfe des Vorstandes der kapitaleigenen Verlagsgesellschaft Madsack GmbH Hannover ist die Veröffentlichung „OBM vor übereilter Handlung gewarnt“ in der LVZ gelungen, was bei einem Leserbrief (26.01.16) zur geplanten Straßen- oder Platzbenennung mehr als außergewöhnlich ist. Zuvor hieß es aus der LVZ zu den von mir angebotenen Texten (und Dokumenten) kurz und bündig: „Dafür interessieren sich unsere Leser nicht!“


Hinweis: Wie kann dieser Aufsatz erworben werden?

Die Broschüren "Wahrheit über die Vergangenheit der Zukunft zuliebe" (Format A5, schwarz/weiß, 50 Seiten) und "Kurt Masur entzaubert,..." von Roland Mey enthalten auf 11 Seiten (einschließlich Bilder und Dokumente) diesen Aufsatz und werden in Leipzig für je 3,- € zum Kauf angeboten...
- von der innerstädtischen Buchhandlung Lehmann in der Grimmaischen Straße und
- vom Bürgerkomitee Leipzig e. V. am Büchertisch im Stasi-Museum in der "Runden Ecke".




Donnerstag, 2. April 2015
Die Broschüre "Wahrheit über Vergangenheit der Zukunft zuliebe" mit dem Untertitel "Defekte einer Chronik aus Weimar und Beiträge zur Leipziger Musikgeschichte" bringt jetzt auch dazu Klarheit. Der Autor, der als Diplom-Physiker den Unterschied zwischen einem Beweis und einer Hypothese (oder einem Verdacht) sehr genau kennt, schreibt unter der Überschrift "Ein amerikanischer Irrglaube: Dirigent und Revolutionär" (New York 1991), dem Zwischentitel "Ehrenwächter am Leichnam eines Mörders" (Leipzig 1970) und neben den Bildern "Macht Musik" (Masur unter Lenin, FDJ-Hochschule1982) sowie "Solidarität - jetzt erst recht" (Vietnamesin unter Stahlhelm, Schallplatten-Cover 1973) über das IM-adäquate Verhalten des Maestros, den die deutsche demokratische Revolution von 1989 (ddR) aus der DDR in den Olymp der Musik katapultiert und der sich bis heute niemals zu seiner ambivalenten politischen Vergangenheit bekannt hat.
Die Broschüre hat 40 Seiten, wurde im Selbstverlag 2014 veröffentlicht, ist bestellbar per Mail: schallmey-verlegung@web.de und wird gegenwärtig in der Leipziger Buchhandlung Lehmann für 2,- € zum Verkauf angeboten.
Roland Mey, Leipzig, 1. April 2015