Ein Wort zum Umgang
mit Personen der Zeitgeschichte

Dr. Jochen Staadt, Oktober 2018
Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin

Der Einklang von Macht und Musik zieht sich ebenso durch die Geschichte wie die Dissonanzen zwischen Machthabern und ihnen nicht ergebenen Musikmachern. Diktatoren lassen sich gerne von Ton- und Taktstockmeistern umschmeicheln. Schon aus uralten Zeiten sind zahllose Lobgesänge auf üble Herrscher und Menschenschinder überliefert. Doch immer auch gab es Gegenstimmen, brachten Volkes Lieder den Unmut über Unterdrückung und Entmündigung unter die Leute, die es hören wollten. Das waren manchmal nur wenige, mitunter kleinste Kreise, die den unangepaßten Klängen und Stimmen ihr Ohr liehen und verstanden, was gemeint war.
Über die Rolle von Schriftstellern, Malern und bildenden Künstlern, die sich dem National- und Realsozialismus angedient haben, ist viel geschrieben und geforscht worden. Über das Verhältnis zwischen Macht- und Klangwelten wissen wir noch wenig. Musik kann Zustimmung zu den herrschenden Verhältnissen auch ohne Worte in Raum und Zeit tragen. Es mußte nicht immer dröhnen, was da zum Wohlgefallen von Weltanschauungskriegern komponiert und gespielt wurde. Manche von ihnen goutierten auch die leisen, romantischen Töne, Flöten und Schalmeien oder das leise Spinett.
Wer im Realsozialismus mit seiner Musik den Mächtigen gefallen konnte, dem öffneten sich Tür und Tor zu großen Häusern, Gärten und Geldern. Wer ihnen nicht in dem Kram paßte oder passen wollte, tat das um den Preis von Benachteiligungen, Aufführungsverboten, Ausgrenzungen oder gar der Ausbürgerung. Einige Musiker kamen sogar hinter die Gitter von Haftanstalten, in denen der richtige Ton fast zwangsläufig nur der falsche sein konnte. Manche Komponisten und Musiker, die von den Herrn des Verfahrens im SED-System wegen Unbotmäßigkeit aus dem Boot gedrängt worden sind, tragen an den Folgen bis heute.
In diesem Jahr brachte der in Österreich lehrende Kulturwissenschaftler Helmut Lethen unter dem Titel „Die Staatsräte“ eine zum Teil auf historischem Quellengut beruhende biografische Skizze von vier bedeutenden Nutznießern der NS-Diktatur aus der akademischen Elite im Dritten Reich heraus. (1) In fiktiven „Geistergesprächen“ treffen in Lethens Buch vier von Hermann Goering zu preußischen Staatsräten ernannte Persönlichkeiten des kulturellen und wissenschaftlichen Lebens aufeinander. Dabei handelt es sich um den Staatsrechtler Carl Schmitt, den Schauspieler und Intendanten Gustav Gründgens, den Chirurgen und Nobelpreisträger Ferdinand Sauerbruch sowie den Dirigenten Wilhelm Furtwängler. (1886 – 1954), seit 1934 Direktor der Berliner Staatsoper. „Die traditionelle beanspruchte Immunität der Klassik“ schreibt Lethen, habe es Furtwängler erlaubt, sich in den „geschützten Raum des Konzertsaals zurückzuziehen“. Obwohl er sich manchen Zumutungen des NS-Regimes entzog, habe er beim Verkehr mit den Spitzen des Regimes zuweilen den aufrechten Gang verlernt. „Mal musizierte er mit deutschen Emigranten in Wien, Paris, Zürich, London und wich offiziellen Verpflichtungen aus, dann dirigiert er wieder zu Hitlers Geburtstag.“ Furtwängler gehörte zu jenem Teil der im Land gebliebenen kulturellen Elite, die der Diktatur im Ausland ein gewisses Ansehen verschafften. Er habe als Dirigent, so Lethen, auf „Tiefe“ des „Gemeinschaftserlebnisses im Konzertsaal weit unterhalb der politischen Oberfläche“ gesetzt, womit er eben diese nobilitierte. Im Dezember 1946 wurde Goerings preußischer Staatsrat Wilhelm Furtwängler, der als Vizepräsident der Reichsmusikkammer den Ausschluß jüdischer Mitglieder erduldet hat, von einer Spruchkammer „entnazifiziert“. Das von der amerikanischen Besatzungsmacht verhängte Dirigierverbot wurde aufgehoben. Im Mai 1947 dirigierte Wilhelm Furtwängler erstmals nach dem Krieg wieder „seine“ Berliner Philharmoniker. Die Berliner Zeitung „Der Morgen“ schrieb, das untergegangene NS-Regime habe mit dieser „untadeligen Künstlernatur“ einen frivolen Mißbrauch getrieben. Angesichts des „unwürdigen peinlichen Schauspiels“ bei seiner „Rehabilitierung“ sei ein „machtvolles Beifallsrauschen“ ertönt, als der Meister die Bühne betrat.
Beim Hinübergleiten von einem System in das andere folgte das Berliner Publikum den Taktstockschwüngen des großen Dirigenten mit Begeisterung. Das Hinübergleiten von einem System in das nächste war für einen Virtuosen wie Furtwängler, der mit seinen Klangkreationen durch Raum und Zeit zu schweben wußte, keine große Sache. Im Publikum saßen keine Braunhemden und Nazi-Bonzen mehr, die Musik aber war die gleiche geblieben. Schönes und Berauschendes aus einer fernen unschuldigen Zeit. Wer wollte da noch an Mißbrauch denken.
Nicht nur im nachhitlerischen Westen, auch im nachhitlerischen Osten gab es solche Übergänge. Hans Pischner, zeitweise stellvertretender DDR-Kulturminister; Opernintendant; Präsident des Kulturbundes und bis 1989 Mitglied des SED-Zentralkomitees, reiste deutschtümelnd in den dreißiger Jahren als Musiker auf Propagandaveranstaltungen für die nationalsozialistische Partei im damals noch unbesetzten Sudetenland herum. Oder z.B. Ottmar Gerster, von 1948 bis 1952 Direktor der Weimarer Musikhochschule und von 1951 bis 1968 Vorsitzender des DDR-Komponistenverbandes, schuf sowohl für die HJ (Hitlerjugend) wie auch später für die FDJ (Freie Deutsche Jugend) kernige Singstücke (2) und für die SED Werke im Sinne des Sozialistischen Realismus. Obwohl Gerster wie Furtwängler auf der Schwarzen Liste der US-Militärregierung stand, nahm ihn die SED bereits 1946 in ihre Reihen auf.
Nach dem Ende der zweiten deutschen Diktatur im Zwanzigsten Jahrhundert glitt Hans Pischner ohne Probleme aus der SED-Diktatur in den Musikbetrieb des wiedervereinigten Deutschland hinüber. Nun gab sich der Mann, der für die National- und Realsozialisten die Propagandatrommel gerührt hatte unpolitisch. Er machte sogar geltend, er habe sich in der DDR frühzeitig für die Aufführung von Werken Richard Wagners sowie für die verpönte Musik der westlichen Moderne eingesetzt. Wie Pischner legte auch der dem SED-Regime eng verbundene Gewandhauskapellmeister Kurt Masur, dreifacher Träger des DDR-Nationalpreises, einen nahtlosen Systemwechsel vor. Auch was seine internationale Nobilitierung betrifft kann Masur mit Furtwängler durchaus mithalten.
Die Nachwelt ging mit diesen beiden großen Dirigenten, die zu ihrer Zeit dem jeweiligen diktatorischen Regime zu einiger Reputation im In- und Ausland verhalfen, nachsichtig um. Roland Mey, der sich dem SED-Regime verweigerte und dafür einige Nachteile in Kauf nahm, kratzt seit Jahren beharrlich am Denkmal des Leipziger Gewandhauskapellmeisters. Er hat dafür gute Argumente. Ihrer Verbreitung dient dieses E-Book. Vielleicht sorgt die Digitalisierung des engagiert polemischen Mey-Textes dafür, daß die politische Rolle Kurt Masurs zügiger einer historisch kritischen Betrachtung unterzogen wird, als es bei Wilhelm Furtwängler der Fall war.

(1) Helmut Lethen: Die Staatsräte. Elite im Dritten Reich: Gründgens, Furtwängler, Sauerbruch, Schmitt. Berlin 2018.

(2) Siehe: „Mit der Hacke, mit dem Spaten“ publiziert u.a. in: Liederblatt der Hitlerjugend, 6. Jahresband, 1940 (folgen 89-100) sowie in: das Lied der Front, Heft 2 - Liedersammlung des Großdeutschen Rundfunks, 1940.

(3) Siehe Jochen Staadt: Eine kleine Machtmusik. Unbedarfte Lobgesänge auf einen SED-Spitzenfunktionär. Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat Nr. 35/2014, S. 43 – 53.

Ein amerikanischer Irrglaube:
Dirigent und Revolutionär

Kurt Masur (17.07.1927 – 19.12.2015): „Ich habe immer so gehandelt, dass ich mich nicht schämen musste.“ Quelle: MDR aktuell, 19.12.2015

Ein Paukenschlag und die Reaktion „Gottes“
Der legendäre Herbert von Karajan soll einmal bei der Korrektur eines Paukenschlages nach der notengerechten Rechtfertigung des Paukers kommentarlos den Taktstock auf das Pult gelegt und im Gehen gesagt haben: „Die Probe geht weiter, wenn ein neuer Pauker da ist!“ Das ist ein krankhaftes Zeichen, wenn es gegen ein Orchester (wie die Wiener oder auch die Berliner Philharmoniker) geschieht, in dem ausnahmslos die besten Musiker Europas spielen, die jederzeit auch als Solisten auftreten können. Unter dieser Karajanschen Selbstüberhöhung haben die Orchester und der Maestro am Ende seiner Schaffensperiode gelitten. Solche autoritären Episoden werden wir von Kurt Masur niemals hören oder lesen, obwohl die gesellschaftspolitischen Verhältnisse der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts ihn zu einem Monument aufgebaut haben. Als „Gott“ ist er niemals aufgetreten. Das Fundament für das spätere Monument hat Masur aber während der SED-Diktatur unter Verzicht auf moralische Werte selbst geschaffen. Noch immer ist er in Europa, Amerika und Japan ein anscheinend makelloser Dirigent. Schon im Jahre 2007 habe ich im Buch „Humoresken aus der DDR“ versteckte Wahrheiten über Kurt Masur aufgeschrieben und damit ein Stück fataler Musikgeschichte vorweggenommen. Die volle Wahrheit über Masur dürfte sein politisches Ansehen, das er in der Zeit der Revolution 1989/90 zugeschrieben bekommen hat, ins Zwielicht stellen und unheimlich anmutende Ambivalenzen zutage fördern.

Der „Solidaritätsbeitrag“
Als ich in den 1970er Jahren den gewerkschaftlichen Solidaritätsbeitrag zur Finanzierung der sowjetischen Materialfront des Vietnamkrieges unter beruflichen Nachteilen verwehrt habe, leistete der Gewandhausmusikdirektor Kurt Masur im Jahr 1973 seinen Beitrag mit einer Schallplattenaufnahme. Unter dem aufgedruckten Preis von 20,- M der Hinweis: „Der Reinerlös aus dem Verkauf dieser Platte wird dem Solidaritätskonto 99 999 zugeführt.“ Auf der Plattenhülle ist eine Vietnamesin unter einem Stahlhelm abgebildet, dazu der Cover-Titel „Solidarität – jetzt erst recht!“ Auf der Rückseite steht u. a.: „Freiheit für das tapfere Vietnamesische Volk, das entschlossen gegen den imperialistischen Aggressor kämpft“. Kurt Masur unterschrieb (neben anderen hochprivilegierten Musikern der DDR) mit den Worten „…bin ich für die Gelegenheit dankbar, mit meinem künstlerischen Beitrag den in der DDR fest begründeten Gedanken der Solidarität mit dem Vietnamesischen Volk unterstützen zu können.“ Solche gewünschten Sätze von Prominenten haben die SED-Diktatoren genutzt, um den in der DDR permanent gepredigten Antiamerikanismus zu aktualisieren und vom Volk immer wieder einzufordern.
Bei allen Fehlern und Unmenschlichkeiten, die die US-Amerikaner bei ihrem Versuch, die weltweite gewaltsame Ausbreitung des Kommunismus zu verhindern, im Vietnamkrieg zu verantworten hatten: Wenn das die US-Amerikaner zu Beginn der 1990er Jahre gewusst hätten, dann wäre Kurt Masur in New York mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht (aus der zweiten Dirigentenreihe heraus) ein großer Nachfolger des riesengroßen Arturo Toscanini und des berühmten Leonard Bernstein geworden. Karrieren werden in Diktaturen grundsätzlich nicht nur durch Fähigkeiten, sondern immer auch mit Anpassung gemacht. Die SED-Diktatur wurde uns zwar sowjetisch aufgepfropft, aber ihre „Verdeutschung“ wäre mit anderen individuellen Anpassungsgraden nicht möglich gewesen.
Eine der erfolgreichsten Kunst-Führungskräfte der USA, Frau Deborah Borda, wollte vermutlich Masur sehr bald nach seiner Ankunft in Amerika wieder nach Deutschland zurückschicken. Sie hatte keine Chance, denn er war damals in den Augen der US-Amerikaner der große deutsche „Siegfried“, der mit dem Schwert von Gorbatschow dem „Drachen Kommunismus“ alle Köpfe abgeschlagen hatte.
Die Leipziger Volkszeitung (LVZ) betitelt am 21.12.15, zwei Tage nach dem Tod des Maestros, den Leitartikel „Humanistischer Imperativ“ und schrieb, dass Masur sich „nichts und niemandem unterordnete“. Wenn ein Mensch unter totaler Wegdefinition seiner Fehler und Schwächen über zwei Jahrzehnte hinweg (insbesondere von den Leipziger Medien) derartig zu einem göttlich unantastbaren Wesen aufgebaut wird, dann ist das mehr als nur unseriöse Berichterstattung.

Hinweis:
Das Cover der Schallplatte (Bild) kann an dieser Stelle (aus technischen Gründen) nicht veröffentlicht werden. Die Platte (im Besitz des Autors) ist eine Gemeinschaftsausgabe des Vietnam-Ausschusses des Afroasiatischen Solidaritätskomitees der DDR und des VEB Deutsche Schallplatte Berlin, DDR; Hersteller: VEB Gotha-Druck, Ag 511/01/73.

„Revolutionär“ ad hoc
Am 9. Oktober 1989 sprach Kurt Masur gegen 18.30 Uhr zu Beginn der alles entscheidenden Montagsdemonstration der deutschen demokratischen Revolution (ddR), die die schnelle Beendigung des realen Sozialismus zum Ziel hatte, nach vorheriger Absprache mit führenden Sekretären der SED-Bezirksleitung über den Leipziger Stadtfunk einen Aufruf zum Gewaltverzicht und sagte u. a.: „Wir sind von der Entwicklung in unserer Stadt betroffen und suchen nach einer Lösung. Wir alle brauchen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land.“ Diese zeitoptimierte Anpassung wurde später so gedeutet, als habe sich Kurt Masur am 9. Oktober „vor die Gewehrläufe“ gestellt. In Wahrheit befand er sich zu Beginn der entscheidenden Demo, als die Gefahr der blutigen Niederschlagung am größten war, vor einem Konzert im sicheren Gewandhaus. Zur damaligen Zeit haben viele schlaue Wendehälse ihre persönliche Wendegeschwindigkeit so optimal an den realen Verlauf der friedlichen Revolution angepasst, dass sie im Fall der Niederschlagung ihre privilegierten Posten behalten hätten. Die Leipziger Volkszeitung (LVZ) nährte auch nach 20 Jahren den amerikanischen Irrglauben und schrieb am 11.05.09 unter der Überschrift „Wir müssen etwas tun“ und dem Untertitel „Der Aufruf der Leipziger Sechs am 9. Oktober 1989 – Die Protagonisten erinnern sich / Heute: Kurt Masur“: Der Aufruf „ist ein Beitrag zum Durchbruch der Friedlichen Revolution.“ Unter „Protagonist“ ist im Lexikon zu lesen „Vorkämpfer“ - und das bezüglich unserer „Leipziger Oktoberrevolution“ für einen hochrangigen Opportunisten, drei langjährige SED-Bezirkssekretäre, einen Uni-Theologen, der später als IM (Inoffizieler Mitarbeiter) der Stasi (Staatssicherheit) enttarnt wurde, und einen Kabarettisten; ein journalistisch-kabarettistisches Meisterstück! Am Ende überlässt die LVZ die letzten Worte Kurt Masur: „Das war ich aber nicht alleine.“ (Wer hätte das gedacht?). Er war nach dem Umbruch aufgrund seiner Tätigkeit in New York zu einem unantastbaren Monument aufgebaut worden. Bis heute hat kein Musiker ein kritisches Wort über Masur öffentlich gewagt; auch nicht, als er auf die Frage eines deutschen Journalisten nach seiner aktuellen Arbeit in Amerika unmittelbar vor dem nächsten Concorde-Flug über den Atlantik geantwortet haben soll: Er werde „den New Yorker Philharmonikern beibringen, wie Beethoven gespielt wird“.

Ein nur virtueller Bürgerrechtler
ist noch heute hoch anerkannt. Aus Leipzig heraus wurde er im Sog des amerikanischen Irrglaubens „Dirigent und Revolutionär“ in den Olymp der Musik nach New York katapultiert. Er ist „ein Mann für jeden Preis“, so die Leipziger Internetzeitung, nachdem am 12. Februar 2011 von der Staatsbürgerlichen Stiftung Bad Harzburg e. V. der Deutsche Staatsbürgerpreis an Kurt Masur verliehen wurde. Die Begründung “für seinen mutigen Einsatz in der Bürgerrechtsbewegung“ ist ein Schlag in die Gesichter der unbeugsamen Menschen, die auf Studium und beruflichen Aufstieg verzichteten, in Gefängnissen waren und ihren mutigen Einsatz auch mit dem Leben bezahlt haben. Der immer wieder neu preisgekrönte „Bürgerrechtler“ war in Wahrheit ein politisch optimal angepasster SED-Privilegienträger. Er war Träger von Kunst- und Nationalpreisen, des Ordens „Banner der Arbeit“, der „Johannes R. Becher Medaille“, des „Vaterländischen Verdienstordens in Gold“, des „Sterns der Völker-freundschaft“ und einer der wenigen Mercedesfahrer in der DDR. Der von ihm verursachte schwere Verkehrsunfall mit tödlichem Ausgang für drei Personen im Jahr 1972 wurde verschwiegen und von der Staatsanwaltschaft bezüglich Ablauf und Schuldanteil zu seinen Gunsten definiert. (Der Spiegel hat in der Ausgabe 37/1991 unter dem Titel „Der Maestro und das Taktgefühl“ die Situation umfangreich beschrieben.)
Erst vor Weihnachten 1989 hatte sich Masur von seinen SED-Freunden geistig getrennt, als er in einem Weihnachts- und Neujahrsbrief schrieb: „Liebe Leipziger! Ich möchte mich dafür bedanken, dass Sie mich in Ihren Kreis aufgenommen haben.“ (Als Mitglied des Leipziger Bürgerkomitees habe ich von diesem Brief eine Kopie erhalten.) Masur war bereits seit dem Jahr 1970 in Leipzig, bis zum Fall der Berliner Mauer (9. November 1989) aber dann doch wohl in anderen „Kreisen“ beheimatet. Die Bild-Zeitung veröffentlichte am 5. Juni 1991 unter der Überschrift „Masur – ein Denkmal steht unter Verdacht“ die Aussage des ehemaligen Stasi-Majors Peter Schardin, früher Referatsleiter der Abteilung 20, zuständig für Gewandhaus, Oper und Thomaskirche: „Das Arbeiten mit Herrn Masur war gut und freundschaftlich. Wenn wir bei Reisen Herrn Masur empfohlen haben, dass ein Orchestermitglied politisch nicht geeignet sei mitzureisen, hat er das immer befolgt. Reiseberichte über die Mitarbeiter hat er uns von ganz alleine geliefert, in persönlichen Gesprächen auch um Ratschläge gefragt.“ Hier wird eindeutig IM-adäquates Verhalten bescheinigt, wie es (ohne besondere Verpflichtung) von allen Instituts- und Betriebsdirektoren erwartet und bei Bedarf realisiert wurde.
Die Eliten definieren und reproduzieren sich heute durch ihr aufgebautes und ständig gepflegtes Beziehungsgeflecht aus sich selbst heraus und nicht mehr über Fähigkeiten, Leistungen oder etwa Charaktere. Weil die ehemals klassische Elite-Definition nur noch Wunschtraum ist, hofierten elitäre Vereine und Verbände den ehemaligen Chef der New Yorker Philharmoniker und „schmückten“ sich selbst durch Einladungen, Auszeichnungen und Preise mit ihm. Wie stark Kurt Masur, dem neunmal die Würde „Doktor honoris causa“ verliehen wurde, mit den Mächtigen der SED-Diktatur verwoben war, ist im charakterfreien Elite-Lobbykratie-Kalkül bedeutungslos. So ist es uninteressant, dass Masur mit dem kommunistischen Diktator Honecker – wie unter Genossen üblich – per du gesprochen und sich niemals systemkritisch geäußert hat oder dass er bereits mit 43 Jahren die Ehrenwache in der Leipziger Oper am aufgebahrten Leichnam des SED-Bezirkschefs hielt. Paul Fröhlich, der meistgehasste Leipziger Eiferer für das SED-Regime, auch Politbüro-Mitglied, war als SED-Bezirksdiktator 1953 in Leipzig für die Toten des Aufstandes vom 17. Juni 1953 mitverantwortlich und hatte im Jahr 1968 die barbarische Sprengung der Universitätskirche gegen erbitterten Widerstand vieler Bürger durchgesetzt. „Wo man Kafka liest, geht der Kommunismus baden“, zitierte er triumphierend 1965 auf dem 11. Plenum der SED aus einer westdeutschen Zeitschrift.
Der DDR-Diktator und seine gefürchteten SED-Paladine waren immer nur „mächtig zu Moskaus Gnaden“. Am 17. Juni 1953 haben sie in Berlin-Karlshorst bei den Sowjets Schutz vor dem Volk gesucht und deren Einverständnis für den deutschen Schießbefehl gefordert. Die höchsten sowjetischen Offiziere haben damals das Kriegsrecht selbst ausgerufen. Erst am 9. Oktober 1989 kam die politische Zielstellung von 1953 in greifbare Nähe. Zu unser aller Glück ist 1989 kein Schießbefehl erteilt worden. Nachdem dazu das Einverständnis aus Moskau (von Michail Gorbatschow) über Berlin (von Egon Krenz) nicht nach Leipzig kam, soll (nach der Erinnerung eines Mitglieds der SED-Bezirksleitung Leipzig) der amtierende 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung und Befehlshaber der Bezirkseinsatzleitung, Helmut Hackenberg, am Telefon vergeblich wartend nach 19 Uhr enttäuscht formuliert haben: „Nu brauchen se auch nicht mehr anzurufen, nu sind se 'rum“ um den Leipziger Innenstadtring. (Quelle: Detlef Pollack „Die Friedliche Revolution: Strukturelle und ereignisgeschichtliche Bedingungen des Umbruchs 1989 in der DDR“, S. 119 bis 139, hier S. 138, in: „Jahre des Umbruchs. Friedliche Revolution in der DDR und Transition in Ostmitteleuropa; Hg.: Clemens Vollnhals, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2012; siehe auch www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2014_ Deutsche_Einheit/1989-10-09-leipzig.html)

„Ehrenwächter“ am Leichnam des Leipziger Bezirksdiktators
Paul Fröhlich (*21.03.1913, +19.09.1970) wurde nach dem 17. Juni 1953 vom Diktator Walter Ulbricht besonders gelobt und gefördert und war als dessen Nachfolger vorgesehen. Er war ein extrem harter kommunistischer Bezirksregent und gefürchteter Einpeitscher, der in einer mehrtägigen Zeremonie wie ein königlicher Feldherr beerdigt und vom SED-treuen Maler Werner Tübke 1973 auf dem monumentalen Wandbild „Arbeiterklasse und Intelligenz“ in der Karl-Marx-Universität verewigt wurde. In der LVZ vom 25.09.1970 war unter der Überschrift „Zehntausende verneigen sich in Liebe und Verehrung“ zu lesen: „Gemessen bewegt sich der Zug, der über vier Stunden währt, zur Oper, die trauerumflorte Seidenbanner schmücken.“ Die erste Ehrenwache am Sarg hielten Horst Schumann, Mitglied des ZK der SED und 2. Sekretär der Bezirksleitung Leipzig, Jochen Hoffmann, Günter Berger, Gerhard Ehrlich und Jochen Pommert, alle vier Sekretäre der SED-Bezirksleitung. Die letzte Ehrenwache hielten am 24.09.1970 die obersten Berliner Betonköpfe Walter Ulbricht, Erich Honecker, Kurt Hager, Günther Mittag, Albert Norden und Horst Schumann. Irgendwann dazwischen stand in strammer SED-Untergebenheit auch Kurt Masur. Im Sächsischen Staatsarchiv in Leipzig existiert eine Liste der damaligen „Ehrenwächter“, Akte Nr. 27 Bestand 21622 Nachlass Paul Fröhlich. In der Akte Nr. IV/B/2/3/121 des Bestandes 21123 SED-Bezirksleitung (BL) Leipzig ist im Beschluss-Protokoll 20/70 vom 23.09.70 vermerkt: „Die Ordnung der Ehrenwache des Sekretariats der BL wird bestätigt.“
In der Biographie „Kurt Masur – Zeiten und Klänge“, List-Verlag, München 2003, von Johannes Forner, einem Leipziger Musikwissenschaftler und langjährigen Vertrauten von Kurt Masur, ist von alledem kein Wort zu lesen.

Hinweis:
Eine Kopie der im Text genannten SED-Ehrenwächterliste (Seite 7) mit dem Namen Kurt Masur ist im Besitz des Autors, kann aber (aus technischen Gründen) hier nicht veröffentlicht werden.

Kandidat zur Kommunalwahl vom 07.05.1989
Die dargestellten Beispiele der Verbundenheit mit der SED waren keine singulären Verfehlungen eines (jungen) Aufstrebenden und ansonsten demokratisch (vorsichtig) Andershandelnden. Noch fünf Monate vor seiner allgemein bekannten Rede im Leipziger Stadtfunk vom 9. Oktober 1989 und sieben Monate vor seinem Weihnachts- und Neujahrsbrief an die Leipziger (vom Dezember 1989) hat Masur am 07. Mai 1989 zur Kommunalwahl für die Leipziger Stadtverordnetenversammlung kandidiert. Er stand der SED folglich noch kurz vor dem Zusammenbruch der DDR zur demokratischen Tarnung der Diktatur zur Verfügung. In der DDR wurden die Parlamente „Abstimmungsmaschinen“, die Abgeordneten „Stimmvieh“ und der Wahlvorgang „Zettel falten“ genannt; eine hochgefährliche Wahrheit und deshalb nur unter sicheren Vertrauten so formuliert. Das Ankreuzen von Parteien oder Kandidaten war bei Wahlen nicht vorgesehen, was durch die Formulierung „Kandidaten der Nationalen Front“ fundamentiert wurde.

Hinweis:
Die Ablichtung eines Stimmzettels mit dem Aufdruck „Prof. Masur, Kurt“ aus dem Leipziger Wahlkreis 93 ist im Besitz des Autors, kann aber an dieser Stelle (aus technischen Gründen) nicht veröffentlicht werden. (Quelle: Signatur BStU, MfS, BV Leipzig, KD Leipzig-Stadt, Nr. 4735, S. 324.) Dem Leipziger Historiker Rainer Müller ist für den freundlichen Hinweis auf dieses Dokument zu danken.

Furtwägler und Masur - zwei Repräsentanten
Der Berliner Komponist H. Johannes Wallmann, der 1995 anläßlich des 50jährigen Gedenkens an die Bombennacht vom 13.02.1945 das GLOCKEN REQUIEM DRESDEN komponiert und mit internationaler Würdigung erfolgreich aufgeführt hatte, schrieb anlässlich der bevorstehenden Benennung des Kurt-Masur-Platzes am 08.02.2016 mahnend in einer Mail - veröffentlicht in seinem Buch „Kunst – eine Tochter der Freiheit?“, Kulturverlag Kadmos Berlin 2017 - an den Leipziger Oberbürgermeister: „Denn was Wilhelm Furtwägler für den Nationalsozialismus war, war Kurt Masur für den Realsozialismus. Entsprechend stand – wie Peter Gülke (DIE ZEIT Nr. 52/2015) berichtet – im Vestibül von Masurs [New Yorker] Haus eine Furtwängler-Büste. Das ist insofern bezeichnend, wie beide Dirigenten mittels musikalischer Bemäntelung den totalitären deutschen Diktaturen dienten. Im „kameradschaftlichen Miteinander“ erreichten beide viel in ihrem jeweiligen Diktatur-Umfeld. Sebastian Haffner schrieb: „Kameradschaft verdirbt und debraviert den Menschen wie kein Alkohohl und wie kein Opium. Sie macht ihn unfähig zum eigenen, verantwortlichen, zivilisierten Leben. Ja, sie ist recht eigentlich ein Dezivilisationsmittel.““ Ohne kameradschaftliche Harmonie zwischen dem SED-Diktator Erich Honecker und seinem Vorzeige-Dirigenten Kurt Masur hätte Leipzig mit großer Wahrschienlichkeit kein hervorragendes Konzerthaus, stattdessen ehemals (1981) nur eine "sozialistische Mehrzweckhalle" (in Analogie zu Dresden) bekommen. Aber rechtfertigt das diese Anpassung an die menschenverachtende SED-Diktatur mit Mauer, Stacheldraht und Selbstschußanlagen gegen das Volk? Nein!

Symposium - Institut - Museum - Grabstätte
In New York wird an Kurt Masur mit Gedenktafeln erinnert. Ob die (insbesondere von der Masur-Witwe vorangetriebenen) Leipziger Gedenk-Institutionen auf längere Zeit Besucher anlocken werden, bleibt abzuwarten. Internationale Kurt-Masur-Symposien (IKMS), Internationales Kurt-Masur-Institut (IKMI) und Internationales Kurt-Masur-Museum (IKMM) sind ein sehr großes Angebot. Als Museumsbesucher war ich im Jahr 2018 enttäuscht: Nur vereinzelt museale Ausstellungsstücke, dafür in mehreren Räumen an den Wänden viele (nach dem Tod des Maestros gestaltete) informierende "Flachelemente", die den Besuchern allerdings die vollständige Wahrheit vorenthalten. Symposium, Institut und Museum können den Wunsch der "Masurianer" zum Ausdruck bringen. Das Lebenswerkes eines Menschen wird aber allein durch die Nachfrage der nachfolgenden Generationen überleben.
Meine Wahrnehmung vor der Grabstätte des Maestros ist: Jetzt hat "Gott" auf dem Leipziger Südfriedhof ein Gesicht bekommen und alle Atheisten müssen nun nicht mehr ohne Gott leben. (Im Internet sind zahlreiche Bilder von der Grabanlage veröffentlicht.)
Nach langer vergeblicher Mühe bezüglich eines Textes zum ambivalenten gesellschaftspolitischen Leben von Kurt Masur habe ich mich seit 2007 immer wieder gefragt: Warum ist in Deutschland keine Zeitung, kein Journal, kein Verlag bereit, die vollständige Wahrheit über den Maestro zu veröffentlichen? Die nur schwer zu findende Antwort ist trivial: Die deutschen Medien, die Masur während und nach seiner Tätigkeit als Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker (1991-2002) “als Gott in den Himmel geschrieben” haben, die wollen ihn (zumindest zeitnah) nicht wieder mit Fähigkeiten und Fehlern “als Mensch auf die Erde zurückschreiben”. Die Österreichische Musikzeitschrift hatte sich an dieser erdfernen Vergötterung, die in ihren Wurzeln nicht auf die Musik sondern vielmehr auf die deutsche demokratische Revolution von 1989 zurückführt und dort falsch ist, nicht beteiligt und hat meinen Aufsatz “Kurt Masur: Dirigent und Revolutionär?” in der ÖMZ 3/2016 veröffentlicht.
Die Masur-Biografen sind (ebenso wie die Initiatoren und Betreiber der Gedenk-Institute) langjährige Vertraute des Maestros; die vollständige Wahrheit ist in deren Texten nicht zu erwarten. Der Sächsische Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur hat meine Bitten um bescheidene Fördermittel zwecks Verbreitung der komplementär-vervollständigenden Wahrheit über Kurt Masur mehrfach abgelehnt. Der in Deutschland noch immer flächendeckend wirkende Zeitgeist "KM bleibt unangetastet" hat diese vorliegende Publikation erst notwendig gemacht.

Wahrheit über Vergangenheit der Zukunft zuliebe –
ein vorgezogenes Nachwort
Wird nämlich ein Mensch unter Ausblendung der Kontaminierungen, amoralischen Kompromisse und Fügungen ins (notwendige) Übel über Jahrzehnte hinweg derartig zu einem göttlich unantastbaren Wesen aufgebaut, ist das alles andere als unproblematisch. Die Gefahren, die in der Übertragung dieses Mechanismus vom „harmlosen“ Feld der Kunst auf die Politik liegen, sollen hier nicht vertieft werden; sie sind seit Adolf H., Walter U. und Erich H. der jüngeren Generation (hoffentlich) aus dem Geschichtsunterricht bekannt und mir noch in abschreckender Erinnerung. Der Bruder meiner Mutter, ein mir nahestehender Onkel und kerngesunder mitteljähriger Vater von vier Kindern, deren Mutter bereits verstorben war, wurde als politischer Häftling in das SED-Zuchthaus Bautzen gebracht. Das pathologische Gutachten vom 25.08.1956 ist ein Beweis für die unmenschlichen Qualen, die er dort bis zu seinem Tod erleiden musste: „Lungenabszesse, Hirnschwellungen, Hautgeschwüre, Erweiterung von Harnblase, Mastdarm und Herzhöhlen sowie Ernährungsschwäche“. Die Mörder aus den Reihen der SED-Genossen wurden für den Tod, ohne Schießbefehl verursacht durch unvorstellbare Quälereien, niemals verurteilt; sie sind in der SED-Diktatur „systemisch anonym“ geblieben. (Der Autor hat Hintergründe und Umstände der qualvollen Ermordung von Hermann Fischer in seinem Buch „Der Schießbefehl am 9. Oktober 1989“ beschrieben.)
Die Aussage „Opportunisten sind nur die unschuldig(en) Angepassten“ impliziert eine Falschinformation, weil allein das jeweilige Heer der Opportunisten die deutschen Diktaturen dauerhaft ermöglicht hat und in Zukunft erneut ermöglichen wird, wenn die volle Wahrheit über Vergangenheit nicht veröffentlicht und zur Warnung wird.

Hinweis:
Es ist bedauerlich, dass die nachfolgend genannten Dokumente/Bilder hier (aus technischen Gründen) nicht abgebildet werden können. Auf einem Werbeblatt (zum beabsichtigten eBook) steht geschrieben: „Mit Blick auf DDR-Stimmzettel, SED-Ehrenwächterliste, Platten-Cover mit Vietnamesin unter Stahlhelm und Komsomol-FDJ-Orchester („Macht Musik“, Titelbild der ZdF 35/2014 der FU Berlin) wird auch ein flüchtiger Betrachter zum Leser; so konsequent wurden die dargestellten Fakten bisher verschwiegen!


Die Reaktion der HMT Leipzig im Jahre 2016

Der Rektor
Die Hochschule für Musik und Theater (HMT) Leipzig hat gegenwärtig kein Interesse an einem die einseitige Biographie „Kurt Masur – Zeiten und Klänge“ (Johannes Forner, List-Verlag, München 2003) ergänzenden Text. Vom ehemaligen Rektor Professor Robert Ehrlich, jetzt Rektor der Musikhochschule HANNS EISLER Berlin, bekam ich 2014 während eines Gespräches auf meine Frage zum Umgang mit der Broschüre „Wahrheit über die Vergangenheit der Zukunft zuliebe“ keine Antwort, wenig später aber eine Mail mit der kurzen Information „als zeitgeschichtliches Dokument in das Archiv der HMT aufgenommen“ (und nicht wunschgemäß in die Bibliothek).
Der Rektor Professor Martin Kürschner hatte die neue Gesprächsrunde am 23.02.16 aufgerüstet: Vor dem Kanzler und einem Vertreter des Personalrates teilt er mir nach Kritik an den fehlenden Fußnoten mit, dass er meine Broschüre mit dem Aufsatz über Kurt Masur „den Bachelor-Studenten um die Ohren hauen“ würde. Über eine bevorstehende Verlagsveröffentlichung hatte ich die Herren im Gespräch informiert.
Wenn ein Text prominent veröffentlich wird, dann sollte dieser vom HMT-Rektor den Studenten nicht um die Ohren gehauen werden. Der auf Basis dieser wahren Aussage vorhandene Widerspruch wurde mir nachträglich verständlich, als ich vermittels Internet über das Forschungsgebiet „Machen Tiere Musik?“ des Rektors Kenntnis bekam. (Dabei könnten wohl auch Variationen der „Katzenmusik“ von Moritz von Schwind unter Berücksichtigung der Mäusepopulation analysiert und durchkomponiert werden?)
Vor Ort stand ich im Februar 2016 zunächst vor der unlösbaren Frage: Was war das für eine Mathematik und Physik, die der Rektor (entsprechend seiner Ausschreibung) auch studiert hatte? Aktuell ist es an der HMT Leipzig aussichtslos zu vermitteln, dass es auch Wissenschaften gibt, die stückweise auf Indizes verzichten können und (deshalb) „harte“ Wissenschaften genannt werden.
Das Debakel aus den Jahren 2010/11 an der Universität Bayreuth um die zunächst mit „summa cum laude“ beurteilte, später verworfene Doktorarbeit des ehemaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg mit einem „Fußnoten-Salat“ in der Größenordnung einer Briefmarkensammlung (ca. 1500) war vermutlich einigen Wissenschaftlern der weichen Wissenschaften nur zum aktuellen Zeitpunkt peinlich. (Zu Guttenberg ist keinesfalls „zu dumm“ für die Selbstanfertigung „seiner Arbeit“ – im Gegenteil: Er ist im vorangeschrittenen Alter zu klug für die elementaren Mühen der Doktorarbeit in einer verbalen Wissenschaft. In den „harten“ Wissenschaften ist alles anders!)

Institut für Musikwissenschaft und Theaterhochschule
Der Direktor des Institutes der Musikwissenschaft, Prof. Dr. Christoph Hust, hatte für das Semester 2014/15 das Thema „Leipziger Musikinstitutionen aus den Jahren 1989 und 1990“ ausgeschrieben. Im Internet hieß es in einer Kurzcharakteristik: „Das Hauptseminar soll einen Überblick darüber erarbeiten, wie verschiedene Leipziger Institutionen auf die Ereignisse der Jahre 1989 und 1990 reagiert haben, u. a. sollen Gewandhaus, HMT, Oper und Verlage in den Blick genommen werden. Die Teilnehmer werden Archive und Zeitzeugen befragen. Ziel ist auch ein exemplarischer Einblick in die Methoden der musikwissenschaftlichen DDR-Forschung. Eine öffentliche Vorstellung der Ergebnisse ist vorgesehen.“
Christoph Hust wollte ursprünglich (nach einem Telefonat mit mir) seine Studenten auf meine Veröffentlichungen und mich als Interview-Partner hinweisen. Als er meinen Aufsatz „Ein amerikanischer Irrglaube: Dirigent und Revolutionär?“ gelesen hatte, wurde sofort der letzte Satz seiner Internetausschreibung bezüglich Vorstellung der Ergebnisse gestrichen. Zu einer Zusammenarbeit mit mir als Zeitzeuge und Interview-Partner ist es nicht gekommen.
Im HMT-Flyer „Konzerte / Veranstaltungen, April 2016“ wurde das Symposium „Musik und Nationalsozialismus“ vom 08./09.04.16 öffentlich ausgeschrieben, veranstaltet von Studierenden des Masterstudiengangs Musikwissenschaft. Das erste Thema „Die Erneuerungsbewegung der evangelischen Kirchenmusik in den Jahren 1933-45“ hat nahe gelegt, sich mit der eigenen HMT-Vergangenheit selbstkritisch auseinanderzusetzen. Wie von mir befürchtet erwähnte die Referentin den Namen des ersten Rektors der Hochschule aber nur beiläufig. In der anschließenden Diskussion hat kein Teilnehmer auf diesen Defekt hingewiesen oder die von mir geäußerte Kritik aufgegriffen.
Der österreichisch-deutsche Komponist Johann Nepomuk David (1895-1977) ist im Jahr 1934 dem Diktator Adolf Hitler von Wien nach Deutschland quasi nachgereist. Für ihn „war nicht die Berufung nach Leipzig entscheidend, sondern der Auftritt beim Kongress für evangelische Kirchenmusik 1937 in Berlin, als von Oskar Söhngen eine Trias präsentiert wurde: David neben Distler und Pepping“ – so aufgeschrieben in der Österreichischen Musikzeitschrift ÖMZ 06/2015 unter „Davids Dilemma“. Und an gleicher Stelle ist zu lesen: „In der evangelischen Kirchenmusik gab es eine Richtung, die sich an das NS-Regime anlehnte, man kann auch sagen, angebiedert hat. David ist da hineingezogen worden, hat aber auch mitgemacht.“ David wurde 1942 erster Rektor der Leipziger Musikhochschule (vorher Konservatorium); hatte u. a. im gleichen Jahr einen Chorsatz auf Worte von Adolf Hitler komponiert und den HMT-Masterstudenten eine Fülle an Material zur Aufarbeitung hinterlassen. Wenn aber die Hochschullehrer dazu keine Vorgaben machen, dann klammern selbstverständlich auch die Studenten die eigene Hochschule bei so viel Vergangenheits-Dilemma in ihren Vorträgen kurzerhand total aus und begeben sich nicht in die Gefahr, dass ihnen der Rektor die Texte „um die Ohren haut“.
Steffen Georgi schreibt am 28.06.2016 in der LVZ unter der Überschrift „Dialog ist nicht nur Konsens, sondern auch Streit“ und dem Untertitel „Starke Beiträge, aber wenig Resonanz von Seiten der Theaterhochschule: Viel Unmut beim ersten Leipziger Dramaturgie-Festival „Intro““ über den (leisen, weil aus Angst anonymen) Aufschrei der Studenten, die viel Leere in der Lehre erkennen. Im Text ist zu lesen: „Ganz offensichtlich gibt es da von Seiten der Studierenden einigen Gesprächsbedarf. Den der Lehrkörper indes wohl nicht teilt.“ Eine Studentin: „Was ich hier erlebt habe, ist zwei Jahre Begrenzung.“ Und Georgi berichtet von „Mangel an Vernetzung“ und „Angst der Hochschule vor Veränderung, durch die Dramaturgie zum U-Boot der Tradition“ werde. Dieses nach innen gerichtete Festhalten am bequemen Alten verdeutlicht die Notwendigkeit eines Eingriffs von außen (durch die Medien). Die Leipziger Zeitung berichtete darüber in der Ausgabe 34/2016 unter der Überschrift „Ein Aufruf: Stehen Sie den Studenten der HMT bei !“

Kunst als Tochter der Freiheit
Die Musik im 21. Jahrhundert wird erneut missbraucht werden, wenn die konkrete Aufarbeitung der Vergangenheit mit schonungsloser personenbezogener Fehleranalyse nicht stattfindet. Die Studenten der HMT in Leipzig müssen sich auch mit den folgenden exemplarisch historischen Fakten auseinandersetzen (dürfen):
Der erste Rektor der Hochschule (1942-1945), Professor Johann Nepomuk David, schrieb eine Motette nach einem Führerwort, die in Leipzig im Jahr 1942 uraufgeführt wurde.
Der dritte Hochschulrektor (1948-1973), Professor Rudolf Fischer, wurde durch seine vom SED-Parteibuch gestützte Machtfülle in den peinlichen Wahn versetzt, ein guter Pianist zu sein. Er war Leiter der ersten Meisterklasse für Klavier, obwohl er hinter vorgehaltener Hand in Fachkreisen statt Fischer „Pfuscher“ genannt wurde. Ich habe erlebt, wie er Ende der 1960er Jahre nach einem total verpfuschten Klavierkonzert mit dem Orchester allein auf der Bühne stand, vom französisch-italienischen Stardirigenten Roberto Benzi während des letzten Tones verlassen. Mein älterer Bruder, der nicht an die SED-Diktatur angepasste Konzertpianist und Weberpreisträger Gerhard Mey, der in Weimar „nur“ die Schulmusiker unterrichten durfte, konnte am 18. Oktober 1957 im Nationaltheater die Situation retten und im Sinfoniekonzert unter dem berühmten Leningrader Dirigenten Arvid Jansons für den kurzfristig absagenden Rudolf Fischer erfolgreich einspringen (siehe Internet unter „Zweites Sinfoniekonzert – Digitales Archiv der Thüringischen Staatsarchive“).
Der letzte DDR-Rektor (1987-1990), Prof. Dr. Werner Felix, den ich persönlich kannte, war ein amusischer SED-Manager, der ebenso wie Kurt Masur im Jahr 1970 in der Leipziger Oper Ehrenwache am aufgebahrten Leichnam von Paul Fröhlich hielt. Im Rahmen der Evaluierung, bei der auch die Aufdeckung inoffizieller Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherheit ein wesentliches Anliegen war, verlor Werner Felix Anfang der 1990er Jahre alle seine Ämter.
Der Rektor Professor Martin Kürschner (seit 2015) diffamiert Beiträge zur jüngsten Leipziger Musikgeschichte, die von Verlagen und wissenschaftlich anerkannten Zeitschriften veröffentlicht werden.

Bei dieser hochbrisanten Problemlage müssten das Symposium an der Hochschule FELIX MENDELSSOHN BARTHOLDY baldmöglichst öffentlich wiederholt, auf Realsozialismus erweitert und zunächst die Fehlentwicklungen im eigenen Haus offengelegt und aufgearbeitet werden, bevor „NS und Norwegen“ (2. Vortrag des Symposiums vom 08./09.04.2016) thematisiert wird.
In den nachfolgend aufgeführten Publikationen habe ich im Sinne von „Kunst als Tochter der Freiheit“ (Schiller) am Fallbeispiel der Hochschule FRANZ LISZT Weimar die Notwendigkeit institutioneller Veränderungen gesellschaftspolitischer Verhaltensweisen beschrieben, die grundsätzlich auch an der HMT in Leipzig realisiert werden sollten.
Weiße Flecken in der Musikgeschichte. Das Fallbeispiel Weimar, Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat der Freien Universität Berlin, ZdF 35/2014
Demokratische Erneuerung aus der Ferne, ZdF 38/2015
Defekte einer Hochschulchronik, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2018; Knoblauch, Mey



Potential musicus diaboli

Der Fünfzehnte nach Bach
war in Leipzig wieder ein Johann; „getauft“ von der Stasi auf den Namen „IM Johannes“ am 21. März 1973, dem 288. Geburtstag seines riesengroßen Vorgängers. Der Thomaskantor Prof. Hans-Joachim Rotzsch hat ein Jahr nach Amtsantritt seine von eigener Hand geschriebene Stasi-Verpflichtungserklärung unterschrieben und danach im Sumpf von Unmoral und Würdelosigkeit eine maximal mögliche Eintauchtiefe erreicht.
Der Thomaner-Chor wurde erstmals vor 800 Jahren erwähnt. Seit dem Jahr 1539 hat der Rat der Stadt Leipzig die singenden Knaben in seiner Obhut. Und seit dem vergangenen Jahrhundert singt der Chor unter der Leitung der Thomaskantoren Karl Straube, Günther Ramin, Erhard Mauersberger, Hans-Joachim Rotzsch, Georg Christoph Biller und Gotthold Schwarz auch außerhalb der Thomaskirche, um Musikfreunde in Deutschland, Europa und der ganzen Welt zu erfreuen. Rotzsch, der bereits vor seinem Amt als Thomaskantor (1972 – 1991) als freiberuflicher Konzertsänger ungehindert durch die Berliner Mauer nach Argentinien, Brasilien, Frankreich, Italien, Österreich und die Schweiz reisen durfte, hat im Herbst des Jahres 1990 die von ihm – so, wie von allen Mitarbeitern der Leipziger Stadtverwaltung und den Stadtverordneten – geforderte Erklärung unterschrieben. Der Text (aus persönlichen Unterlagen des Autors) – eine diabolische Lüge:
„Hiermit erkläre ich, dass ich zu keiner Zeit hauptamtlicher oder inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit / Amt für Nationale Sicherheit war. Ich habe auch niemals wissentlich Informationen über mir bekannte Personen an diese Dienststellen weitergegeben. Einer Überprüfung meiner Erklärung unter Wahrung des Personendatenschutzes stimme ich hiermit zu.“
Rotzsch hätte bereits zum Zeitpunkt seiner Unterschrift unter diese Erklärung oder jederzeit später vor dem Eingang der Auskunft durch die Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit der ehemaligen DDR (MfS bzw. Stasi) mit dem Oberbürgermeister oder/und dem damaligen Bewertungsausschuss sprechen und von sich aus auf eine Beendigung der Tätigkeit als Thomaskantor im gegenseitigen Einvernehmen hinwirken können. Er wusste sehr genau, dass er sich nicht gegen die Zusammenarbeit mit der Stasi gewehrt hatte. In der LVZ vom 25.01.12 teilte der Thomanerchor-Geschäftsführer und ehemalige Thomaner unter Rotzsch, Stefan Altner, unter der Überschrift „Alternativlose Entscheidung“ mit, dass Rotzsch das Vertrauen vieler Menschen missbraucht habe, „wie in den vielen Treff-Berichten mit seinem Führungsoffizier nachzulesen ist“.

Der zuständige Hauptausschuss
der Stadtverordnetenversammlung hatte die vom Bewertungsausschuss, dessen Mitglied ich war, erarbeiteten Kriterien bei seinen Empfehlungen an den Oberbürgermeister ohne Ansehen der Person konsequent zur Anwendung gebracht. Danach war eine Weiterbeschäftigung nur möglich, wenn die betreffende Person die Zusammenarbeit mit dem MfS in der abgegebenen Erklärung bekannt gegeben und selbst auf eine Beendigung dieser Zusammenarbeit vor 1980 hingewirkt hat. Am 8. Mai 1991 hatte der Hauptausschuss beschlossen, dass die Weiterbeschäftigung von Thomaskantor Professor Rotzsch nicht vertretbar ist. Zur damaligen Zeit haben die Mitglieder des Bewertungsausschusses der Stadtverordnetenversammlung wiederholt auf einen möglichen „normalen“ Ablauf im gegenseitigen Einvernehmen hingewiesen. In einer Erklärung hieß es:
„Aus welchen Gründen auch immer jemand mit dem Staatssicherheitsdienst zusammengearbeitet hat, er sollte dies selbst offenlegen und Konsequenzen ziehen. Eine Schuldzuweisung steht weder dem Ausschuss noch der Stadtverordnetenversammlung zu. Die Schuldfrage zu klären ist einzig und allein Sache der juristischen Aufarbeitung und damit Aufgabe der Gerichte. Der Ausschuss kann nur einschätzen, ob das Vertrauensverhältnis gestört ist, das für Mandatsträger und Mitarbeiter im öffentlichen Dienst gefordert werden muss.“
Um das Amt des Thomaskantors nicht zu beschädigen, hatte der Hauptausschuss den Oberbürgermeister beauftragt, Herrn Rotzsch die Entscheidung des Hauptausschusses mitzuteilen sowie Termin und Form der Beendigung der Tätigkeit als Thomaskantor zu vereinbaren. Rotzsch hat daraufhin zunächst am 11. Mai 1991 den Oberbürgermeister um Versetzung in den Ruhestand gebeten, dies aber am 17. Mai widerrufen und am gleichen Tag den Antrag erneut gestellt. Folglich hat der Oberbürgermeister diesen Antrag sofort bestätigt. Am 15. Juli 1991 (zum Schuljahresende) wurde die Tätigkeit von Hans-Joachim Rotzsch als Thomaskantor beendet.
Die Bedingungen bezüglich Akteneinsicht und Auswertung der historischen Begebenheiten haben sich gegenüber 1991 stark verändert. Heute besteht für Journalisten und Historiker die Möglichkeit, die Stasi-Akten von Personen der Zeitgeschichte einzusehen. Armin Görtz schrieb unter dem Titel „Stasi-Stoff für 2000 Jahre“ zur Verjährung in der LVZ vom 16.01.09 auf Seite 1:
„Wer (…) in der Debatte um die Staatssicherheit auf die für Verbrecher geltenden Verjährungsfristen verweist und einen Schlussstrich fordert, irrt. Denn es geht nicht um Strafrecht, sondern um Moral. Statt Verjährung ist nur Vergebung möglich. Die Opfer sind meist bereit zu verzeihen, die Täter aber sträuben sich oft, ihre Schuld einzuräumen.“
Und das wurde von Rotzsch im Jahr 2012 erneut bestätigt.

Die diabolisch göttliche Karriere
konnte Rotzsch in Salzburg trotz langjähriger teuflischer Verbindung lückenlos fortsetzen. Er wurde 1992 am Mozarteum Professor für evangelische Kirchenmusik, nachdem er in Leipzig im Auftrag der antichristlichen SED als ein die Diktatur als Demokratie tarnender „Blockflötist“ (Mitglied einer Blockpartei) im Stadtrat gesessen und für die Thomaner christliche Traditionen abgebaut hatte. Beispiele dafür sind die bis zu Beginn seiner Amtszeit gepflegten Tischgebete und auch die Erklärung der gesungenen christlichen Texte. In einem Interview der LVZ vom 14./15.01.12 wird unter der Überschrift „Vieles war doch nicht umsonst“ mitgeteilt: Betrüblich findet er, was ihm zuweilen angedichtet wird. Und Rotzsch wörtlich: „Da wird vieles vereinfacht von denjenigen, die die Zeit nicht miterlebt haben und glauben, es besser zu wissen. Und das schmerzt schon.“ Rotzsch verwechselte bis an sein Lebensende im Jahr 2013 peinlichst Opfer und Täter.
Ich hatte die Leitung des Mozarteums in Salzburg vor Jahren angeschrieben und die Kernsätze dieses Beitrages in Anlage beigelegt. Der Leser möge raten, ob ich eine Antwort erhalten habe. Nur so viel als Hinweis: Wenn die Sowjets nach dem zweiten Weltkrieg Westdeutschland und Österreich besetzt hätten, dann wäre dort von Hamburg bis hinter Salzburg eine große DDR entstanden, absolut analog der kleinen miesen DDR zwischen Rostock und Suhl und auf der gleichen Grundlage moralisch-charakterlichen Versagens aufgebaut.

Im „Jahrhundertblick“,
einem ARD-Interview vom 22.02.2010, wurde die historisch einmalige diabolische, deutsche Verführungsgeschichte von höchster geistiger Autorität bestätigt, vom ehemaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt. Das deutsche Volk hat sich im vergangenen Jahrhundert ohne Gegenwehr und in großen Teilen sogar mit Begeisterung vom alten Militär-Kaiser Wilhelm in den 1. Weltkrieg führen lassen und nur 20 Jahre später vom Supersatan Hitler mit „Hurra“ in den 2. Weltkrieg. Nach weiteren 20 Jahren war die vom Sowjetsatan Stalin aufgepfropfte SED-Diktatur „eingedeutscht“ und auf Stasis Gnaden umgebaut. Die Moral von der Geschichte kann nur ein Hilferuf an allerhöchste Stelle sein: Oh Herr, wirf im neuen Jahrhundert mehr Charakter vom Himmel über Deutschland!
Ich habe das geistige Elend „DDR“ nur auf Grund der „Methode Humor“ ohne Charakterdefizite und größere gesundheitliche Nachteile überstanden. Diese Methode ist außerhalb des totalitären Milieus nicht mehr notwendig, aber noch immer nützlich. Ein Rezensent schrieb im Jahr 2012 über mein Buch „Der Schießbefehl am 9. Oktober 1989“ und die darin enthaltenen „Humoresken aus der DDR“ in der Zeitschrift für Zeitgeschichte und Politik „Gerbergasse 18“, Ausgabe 1/2012/49, unter der Überschrift „Schießbefehl und Kakerlaken“, dass sich der Autor in seiner originell-burschikosen Art äußert, „die von der Klaviatur der feinen wie ätzenden Ironie und aller Schattierungen des Humors, nicht zuletzt des schwarzen, Gebrauch macht – und es ist mehr als spannend.“
Eine „Stasi-Ratte“ – so der Titel ihres Buches – liest (und veröffentlicht) im Jahr 2013 auf der Buchmesse in Leipzig anonym unter ihrem ehemaligen IM-Decknamen Jana Döhring und fokussiert en passant in der abschließenden Diskussion das behandelte Problem naiv in einem Satz: „Ich wollte ein schönes Leben!“
Ich nicht!?
Der DDR-Funktionsmechanismus ist leicht zusammengefasst:
Jeder war dagegen, aber alle haben es realisiert!
Diesen Satz habe ich mit Wirkung von schmerzlichen persönlichen Nachteilen bereits Mitte der 1980er Jahre an der Ingenieurschule für Pharmazie öffentlich ausgesprochen. Ob dies damals „aus Versehen“ geschah oder bewusst, das kann ich heute nicht mehr sagen. Ich weiß nur noch, dass ich nach dem letzten Wort sofort Angst bekam, denn dort waren viele „Apos“ - ursprünglich einmal Apotheker - zu gefährlichen Aposteln der SED verkommen.
Eine ausführliche und humoristische Darstellung des DDR-Funktionsmechanismus wird zum Ausdruck gebracht in
den sieben ökonomischen Widersprüchen des Sozialismus:
1. Obwohl die DDR Vollbeschäftigung hatte, arbeitete nur die Hälfte.
2. Obwohl nur die Hälfte arbeitete, fehlten überall Arbeitskräfte.
3. Obwohl überall Arbeitskräfte fehlten, wurden alle Pläne übererfüllt.
4. Obwohl alle Pläne übererfüllt wurden, gab es nichts zu kaufen.
5. Obwohl es nichts zu kaufen gab, hatten fast alle fast alles, was sie brauchten.
6. Obwohl alle fast alles hatten, was sie brauchten, meckerten alle.
7. Obwohl alle meckerten, wählten 99.9% die Kandidaten der Nationalen Front und
damit die SED.
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Epilog:
Wer während der SED-Diktatur zur sehr kleinen Gruppe der vorsichtig Andershandelnden gehört hat, der ist noch immer in Ostdeutschland in einer absoluten Minderheit (im Bereich der älteren Generation). Das ist so, weil die übergroße Mehrheit der ehemals nur Andersdenkenden – wie sie gedacht haben, war auf den Dächern an den Antennen zu erkennen – auf der Suche nach ihrem „reinen Gewissen“ die DDR noch immer bis ins Groteske verklärt. Ein Vierteljahrhundert nach dem Ende von DDR und ddR hat das (leicht veränderte) Kürzel, ehemals Synonym für staatlich verordnetes geistiges Elend, jetzt einen edlen Inhalt:
ddR = deutsche demokratische Revolution
Meine eindringliche Empfehlung ist: Wenn die heutige Jugend das „geistige Elend DDR“ nicht in einer Neuauflage erleben will, dann sollte sie ihr gesellschaftspolitisches Bewusstsein für Demokratie im Spiegel der Diktatur schärfen, damit daraus die Bereitschaft genährt wird, sich gegen jede Diktatur zur Wehr zu setzen.
Mein Angebot als Zeitzeuge:
Die Metamorphose von der DDR zur ddR,
eine „Freie Übung“ zur politischen Bildung für Schüler und Studenten unter dem Thema:
Der politische Wahnwitz sozialistischer Mach(t)art und das verklärte DDR-Bild.
Zielstellung und Methode ist die politische Bildung ohne Belehrung, aber mit Erbauung; Entwicklung von Überzeugungen durch Diskussionen und Streitgespräche. (Inhalt: In Anlehnung an die Bücher „Zwischen Humor und Repression – Studieren in der DDR“ und „Humoresken aus der DDR“ und „Der Schießbefehl am 9. Oktober 1989“ - siehe Internet).
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Zur Wertung der Vorgänge um den 17. Juni 1953
als es im Bezirk Leipzig elf Tote gab. Zu diesem Zeitpunkt galt noch die DDR-Verfassung vom 7. Oktober 1949. Im Artikel 9,1 stand geschrieben: „Alle Bürger haben das Recht, innerhalb der Schranken der für alle geltenden Gesetze ihre Meinung frei und öffentlich zu äußern und sich zu diesem Zweck friedlich und unbewaffnet zu versammeln.“ Darüber hinaus wurde durch den Artikel 14,3 „das Streikrecht der Gewerkschaften gewährleistet“. Folglich war der Schießbefehl vom 17. Juni 1953 auch in der damaligen DDR eindeutig gesetzeswidrig.


Roland Mey,

geboren 1942 in Thüringen, ist Diplom-Physiker (Jena 1965), hat in der DDR an Ingenieurschulen Mathematik und Physik unterrichtet, war ab 1986 auch tätig als Berufskraffahrer (Facharbeiterzeugnis, LVB 1987), Busfahrer, Pförtner, Nachtwächter …

[Der Autor hatte 1982 nach 17-jähriger Lehrtätigkeit die Leipziger Ingenieurschule für Bauwesen mit Fertigstellung der Broschüre „Physikalische Grundlagen des bautechnischen Wärmeschutzes“ verlassen und von den alljährlichen Auflagen (1983–1990) für die DDR-weite Ausbildung von Bauingenieuren nichts erfahren. Nach zwei Jahrzehnten bekam Roland Mey beim Einblick in den Katalog der Deutschen Nationalbibliothek zufällig Kenntnis von der ehemals sehr erfolgreichen
Verwendung seiner bauphysikalischen Publikation.]

Von Dezember 1989 bis zum Juni 1990 im Leipziger Bürgerkomitee, ab 1990 u. a. VHS-Direktor und Friedensrichter. 1990–1994 Stadtverordneter in Leipzig, 1992–1998 Lehrer für Mathematik und Physik an Leipziger Gymnasien, bis heute gesellschafspolitische Aktivitäten. Roland Mey hat über drei Jahrzehnte in einem Klaviertrio am Cello „Musik für Himmel und Hölle“ gemacht.
(Vgl. https://www.youtube.com/watch?v=WxKJB418lL4; 01.11.2017)